Grigorios Aggelidis: Mehr Ehre durch weniger Amt
Folgenden Gastkommentar hat Grigorios Aggelidis, Sprecher für Familien und Senioren der FDP-Bundestagsfraktion und Mitglied im Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement, für den Weser Kurrier vom 5. Dezember 2019 verfasst:
Sie sind auch nachts in Bereitschaft, um beim Brand schnell zu helfen. Sie lesen Kindern in der Spielgruppe vor, bringen ihnen das Fußballspielen bei oder sortieren Klamotten in der Kleiderkammer. Das Ehrenamt in Deutschland ist vielfältig. Genauso vielfältig sind aber die bürokratischen Auflagen, die ehrenamtlich Tätige belasten. Deshalb reicht es nicht, ihnen am heutigen Tag des Ehrenamts zu danken. Wir müssen sie endlich aktiv unterstützen und entlasten. Ehrenamtliche in Deutschland brauchen: mehr Ehre durch weniger Amt.
Vereine klagen über fehlenden Nachwuchs. Dabei können sich junge Menschen oft ein Engagement vorstellen, werden aber durch Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), Steuerrecht, Arbeitszeitdokumentation, Abgabenordnung oder Haftungsregeln abgeschreckt. Wo früher zwei Seiten zur Dokumentation gereicht haben, sind es inzwischen zwei prall gefüllte Ordner. Mehr als die Hälfte ihrer Zeit verbringen Ehrenamtliche laut des Bürokratie-Barometers der Stiftung Aktive Bürgerschaft inzwischen mit Dokumentationen und Steuererklärungen. Wertvolle Zeit, die für das Engagement selbst fehlt oder zusätzlich in der wenigen Freizeit geleistet wird.
Es wird höchste Zeit für eine konsequente und spürbare Kehrtwende. Wer achtet denn zum Beispiel bei neuen Gesetzen darauf, wie sie das Ehrenamt belasten? Die deutsche Umsetzung der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung hat ja gezeigt, dass wir hier ein wachsameres Auge bräuchten. Um dauerhaft aus dem Sonntagsreden-Modus herauszukommen, schlage ich deshalb einen Ehrenamts-Check vor, der jedes Gesetz auf seine Auswirkungen für das Ehrenamt überprüft. Und natürlich müssen wir auch die bestehenden Vorgaben für Ehrenamtliche entrümpeln und bei Steuern und Abgaben umdenken.
Ehrenamt sollte unabhängig von Projektgeldern werden, um nicht vom Wohlwollen der Regierung abhängig zu sein. All das könnte durch eine Ombudsstelle auf Bundesebene überprüft werden. Dadurch helfen wir dem Ehrenamt heute und sichern für die Zukunft, dass es die Luft zum Atmen hat, die es braucht und verdient. Ehrenamtliche könnten so wieder mehr Veranstaltungen anbieten, anstatt sich stundenlang den Kopf über die Steuererklärung zu zerbrechen. Sie könnten wieder mehr Tränen von Hinterbliebenen trocknen, sprachliche Entwicklung von Kindern fördern und Hilfe im Alltag sein, statt stundenlang ihre Arbeit zu dokumentieren. Gerade am heutigen Tag des Ehrenamts sollten wir nicht vergessen: Entlastung ist der erste Schritt zur Anerkennung.